Ludovike Simanowiz (1759-1827)

Ein enttarntes Gemälde und seine Urheberin

Ludovike Simanowiz war eine Ausnahmekünstlerin, wäre aber heute vielleicht völlig vergessen, hätte sie nicht Friedrich Schiller und seine Familie porträtiert. Zu diesem für Künstlerinnen recht typischen Schicksal hat sie allerdings selbst kräftig beigetragen, denn sie signierte keines ihrer Werke. Wenn ich hin und wieder im Ludwigsburg Museum Führungen mache, erzähle ich immer, dass wahrscheinlich in einigen Zimmern oder auf Dachböden Simanowiz-Gemälde hängen, ohne dass die Besitzer es ahnen. In Zukunft kann ich eine weitere Geschichte erzählen.

Krisen bringen ja die eine oder andere Überraschung zutage, und manchmal ist eine solche Überraschung durchaus positiver Natur. Kürzlich so geschehen im erwähnten Ludwigsburg Museum. Dort wurde der Corona-Lockdown für Sammlungsarbeit unterschiedlichster Natur genutzt, unter anderem auch zur Neuordnung der Gemäldesammlung. Die damit beauftragten Mitarbeiterinnen Margrit Röder und Katrin Bettray stießen auf ein kleines, qualitätvolles Porträt, das unter „unbekannter Künstler“ inventarisiert war. Die Neugier trieb Margrit Röder an, über den dargestellten Benedikt Maria Werkmeister (1745-1823) mehr zu erfahren. Der katholische Theologe wurde 1784 von Herzog Carl Eugen nach Württemberg berufen, gilt als Kirchenreformer und verfasste ein neues Gesangbuch. Doch auch wenn er kein unbedeutender Mann war, spielt er in dieser Geschichte nur die Rolle eines Katalysators, eine Frau läuft ihm den Rang ab.

Ludovike Simanowiz Werkmeister-Porträt

Ludovike Simanowiz Werkmeister-Porträt


Ludovike Simanowiz Werkmeister-Porträt Rückseite

Ludovike Simanowiz Werkmeister-Porträt Rückseite

Im Internet fand Margrit Röder einen Nachstich des Gemäldes, den Johann Daniel Laurenz angefertigt hat. Darauf war deutlich zu lesen: „gemalt von Ludowica Simanowitz geb. Reichenbach zu Stuttgart – gestochen v. Laurens zu Berlin“. Der unbekannte Künstler war somit enttarnt, im Inventar des Museums ist nun zu lesen: „Ludovike Simanowiz, Porträt Benedikt Maria Werkmeister (1745-1823), 3/4 Profil, Öl auf Leinwand, unsigniert, um 1808, Maße mit Goldrahmen 34,2 x 28,2 cm“. Die Freude ist groß – zu Recht. Doch wer war Ludovike Simanowiz?

Erst Stuttgart, dann Paris

Zur Welt kam sie als Kunigunde Sophie Ludovike Reichenbach am 21. Februar 1759 in Schorndorf. Ihr Vater war der Militärarzt Jeremias Friedrich Reichenbach und ihre Mutter die Apothekertochter Susanne Sophie Reichenbach, geborene Schwegler. Zudem besaß das Mädchen eine ganze Reihe von Geschwistern. Aufgewachsen ist Ludovike Reichenbach ab 1762 in Ludwigsburg, wo sie eine lebenslange Freundschaft zu Mitgliedern der Familie Schiller entwickelte, allen voran zu Christophine Schiller, Friedrich Schillers älterer Schwester.

Eigentlich war es damals nicht üblich, einem Mädchen Kenntnisse zu vermitteln, die über das hinausgingen, was zur späteren Haushaltsführung nötig war. Bestenfalls bei angehenden Künstlerinnen machte man eine gewisse Ausnahme. Ludovike gehörte zu diesen Ausnahmen, denn sie fiel schon früh durch ihr Maltalent auf. Ein Stuttgarter Onkel, der als Leibarzt des Herzogs Carl Eugen, Geld und Verbindungen besaß, holte sie nach Stuttgart und finanzierte ihr Zeichenunterricht. Da es keine Kunstschule oder Akademie für Frauen gab, ließ er ihr Privatunterricht bei dem zu seiner Zeit hochangesehenen Hof- und Theatermaler Nicolas Guibal geben.

Dieser unterrichtete Ludovike Reichenbach im Porträtmalen. Da Zeichnen nach Aktmodellen damals für eine Frau undenkbar war, lernte sie durch das Zeichnen nach Vorlagen. Guibal konnte sie bis zu einem gewissen Punkt fördern, sah aber, dass sie eine weitergehende Ausbildung benötigte. Der gebürtige Lunéviller war sowieso der Meinung, dass ein angehender deutscher Künstler zuerst nach Paris gehen müsse, um zu lernen. Das empfahl er offensichtlich auch seiner Schülerin, und tatsächlich wurde sie zur weiteren Ausbildung 1787 nach Paris geschickt.

Kunst oder Ehe?

Vor ihrem Aufbruch in die französische Hauptstadt verlobte sich Ludovike Reichenbach mit ihrem Freund Franz Simanowiz. Sie liebte ihn, wie sie selbst sagte, seit ihrem 17. Lebensjahr, jetzt war sie 28. Warum es nicht früher zu einer Ehe kam, ist nicht bekannt, vielleicht hatte die Familie Bedenken, dass sie als Frau eines mittellosen Offiziers ihr Künstlertum nicht leben könne. Wie lange Ludovike Reichenbach genau in Paris blieb, wissen wir nicht, es dürfte etwa ein Jahr gewesen sein. Auf der Rückreise machte sie Station in Montbéliard, wo einer ihrer Brüder als Arzt in herzoglichen Diensten stand. Möglicherweise porträtierte sie die herzogliche Familie. Die Entscheidung zur Rückkehr nach Württemberg fiel ihr schwer. Der Schriftsteller und Schillerfreund Ludwig Ferdinand Huber schrieb ihr an Heiligabend 1788 von Paris nach Montbéliard:

„Sie beklagen sich beste Freundin, der gefahr ausgesezt zu sein, die herrliche gaben, die Sie von unser guten Mutter Nathur haben, entfernt von dem Pflanzgard[garten] der schönen Künsten, ohne unterhalt zu verlieren, gewiß das ist eine aussicht, die einer Kunstliebenden Seelen wie die Ihrige nie ein reines glücke geniesen läßt.“[1]

Und ihr Pariser Beichtvater Charles-Christian Gambs schrieb ihr Anfang Dezember 1788.

„Ich wünschte, meine theuerste Freundin! daß Sie die Unentschlossenheit, mit der Sie zwischen Paris und Stuttgart, zwischen Kunst und Liebe hin und her wanken, einmal zu überwinden suchten. […] Eine von Ihren Neigungen müssen Sie der anderen aufopfern. Wollen Sie das häusliche Glück genießen, so müssen Sie auf den Kunstruhm Verzicht thun und umgekehrt. Haben Sie aber das Eine oder Andere gewählt, so sehen Sie um ihrer Ruhe willen nicht mehr auf das Verlorene zurück, und beherzigen Sie die Wahrheit, daß auf Erden kein vollkommenes Glück zu finden ist.“[2]

Harte Worte, aber für eine Frau die Realität, Ehe und Kunst bzw. Beruf waren nicht zu vereinen. Die Künstlerin entschied sich für die Rückkehr nach Württemberg und die Ehe. Im Frühjahr 1791 heiratete sie Franz Simanowiz.

Paris zum Abgewöhnen

Zunächst wohnte das Ehepaar in Ludwigsburg, doch als im Zuge der Französischen Revolution Krieg drohte, wurde Simanowiz noch im Jahr 1791 zur französischen Grenze abkommandiert.

Ludovike_Simanowiz Selbstbildnis_mit_wehendem_Haar 1991

Ludovike Simanowiz: Selbstbildnis 1791

Ludovike Simanowiz reiste während seiner Abwesenheit ein weiteres Mal zum Studium nach Paris. Man kann sich vorstellen, dass Briefe wie folgender von ihrem Pariser Lehrer Antoine Vestier sie wieder an die Seine lockten:

„Alle Leute, die Sie in Paris kennen, schmeicheln sich mit der Hoffnung, Sie wiederzusehen, und ich würde mich besonders darüber freuen. Ich bin überzeugt, daß Ihre Bescheidenheit Sie glauben läßt, daß Sie in der Vollkommenheit Ihrer Kunst zurückgefallen seien. Ich hoffe im Hinblick auf die große Begabung, die ich bei Ihnen gefunden habe, daß ein kurzer Aufenthalt in Paris Ihnen von größtem Nutzen sein würde.“[3]

Bei ihrem ersten Aufenthalt in Paris wetterleuchtete die Französische Revolution. In Paris brodelte es, Ludovike Reichenbach hielt sich in einem Kreis von internationalen Intellektuellen und Künstlern auf und sah sich als „eine wahre Democratin aus voller Seele“. Beim zweiten Aufenthalt waren die Jakobiner an der Macht. Die Malerin wohnte bei einer Freundin, der ehemaligen Sängerin und Schauspielerin Helene Balletti, die mit dem Marquis de Lacoste verheiratet war. Als die Adeligen im Zuge der Schreckensherrschaft fliehen mussten, blieb Ludovike allein im Palais zurück und wurde einige Male verhört. Sie erlebte die Abschaffung der Monarchie, besuchte mehrmals einen Jakobinerklub und war über die Gewaltbereitschaft der neuen Machthaber entsetzt.

Sobald sie einen Pass hatte, reiste sie zurück nach Deutschland, musste aber aufgrund einer Krankheit, wahrscheinlich Typhus, mehrere Wochen in Straßburg bleiben.

Friedrich Schiller - Porträt von Ludovike Simanowiz

Friedrich Schiller – Porträt von Ludovike Simanowiz

Vermutlich kam sie Ende 1792 oder Anfang 1793 in Ludwigsburg an. Kurz darauf erhielt sie den Auftrag, Schillers Familie und auch ihn selbst zu malen, als der Dichter sich von September 1793 bis Mai 1794 ein letztes Mal in seinem Herkunftsland aufhielt.

Kunst als Erwerbsarbeit

1799, im Alter von 46 Jahren, erlitt Ludovike Simanowiz‘ Mann einen Schlaganfall, wodurch seine Beine gelähmt waren. Seine Frau pflegte ihn und finanzierte ab jetzt weitgehend ihr beider Leben, Kinder hatten sie keine. Die Porträtmalerei ernährte sie nicht, deshalb nahm sie wohl Pensionärinnen auf und gab Malunterricht. Diese Tätigkeit mochte sie nicht, sie war aber trotzdem stolz darauf:

„Ich habe mich an die Nothwendigkeit, die Kunst mitunter als Erwerb treiben zu müssen gewöhnt, und habe es durch meinen Fleiß so weit gebracht, dass wir unabhängig leben können. Was wäre aus unserem Schicksal geworden, wenn mir Gott nicht den Muth geschenkt hätte, meine Kunst auf eine, ich gestehe es, sehr unangenehme Art zu treiben. Nun ist der Lohn doch süß.“[4]

Sie malte mit fortschreitendem Alter immer weniger, die Augen spielten allmählich nicht mehr mit, aber sie scheint genug gespart zu haben, um sich etwas zurückzulehnen. Aus ihrem ausgedehnten Briefwechsel geht hervor , mit welch großen Interesse Ludovike Simanowiz am Weltgeschehen teilnahm, auch von ihrer Lektüre ist die Rede, die Malerei ist kein Thema.

„Gleichsam eine Seele“

Franz Simanowiz wurde immer hinfälliger und depressiver. Nach 28 Jahren ging am 14. Juni 1827 sein Leidensweg zu Ende. Nach der Bestattung fuhr seine Witwe für einen guten Monat zu ihren Geschwistern nach Erdmannhausen. Von dort schrieb sie an eine Schwägerin:

„Ihre herzliche Theilnahme hat mich auf das innigste gerührt. Wie spricht sich in Ihrem Brief so unverkennbar die Wahrheit Ihrer Gefühle aus, u. wie mußte ich weinen als ich denselben laß! O Sie glauben nicht wie viel mein Herz gelitten hat, u. wie ich keinen Augenblick hinbringe ohne das Schmerzensbild meines einzigen u. besten Freundes vor Augen zu haben. Seit meinem 17 Jahr liebte ich ihn u. er war der zärtlichste Gegenstand meines Herzens, wie ist es möglich eine solche bittere Trennung ruhig ertragen lernnen? Nur ich kannte seine Gesinnungen u. seine innern Vorzüge die mir ihn so lieb u. wehrt machten – auch wußte ich daß er mein treuester u. bester Freund auf dieser Welt war – Wir theilten einander jeden Gedanken, jedes Gefühl mit – wir waren gleichsam eine Seele   ach wie kann man wieder heiter werden? Es ist nicht möglich u. im Alter, wo die Kraft uns fehlt, noch weit unmöglicher.“[5]

Ihre Freundin Regine Voßler, die in Stuttgart lebte, riet ihr, zu ihr in die Landeshauptstadt zu ziehen, doch Ludovike Simaowiz wollte das nicht. Sie besuchte sie nur und kam bereits nach einer Woche zurück nach Ludwigsburg. Wenig später, am 2. September 1827, erkrankte sie an einer fiebrigen Erkältung oder Grippe und verstarb.

76 Bilder, davon über 30 Porträts sind von ihr bekannt, jetzt gibt es eins mehr.

Fotonachweis

Abdruck der Fotos vom Werkmeister-Porträt und der zugehörigen Informationen mit freundlicher Genehmigung vom Ludwigsburg Museum

Ludwigsburg Museum im MIK
Eberhardstraße 1
71634 Ludwigsburg

Telefon 07141 910-2290
Telefax 07141 910-2605
E-Mail museum@ludwigsburg.de

Literaturnachweise

[1] Zit. nach: Gertrud Fiege: Ludovike Simanowiz. Eine schwäbische Malerin zwischen Revolution und Restauration. Marbach: Deutsche Schillergesellschaft, 1991. S. 26.

[2] Zit. nach: Ebd. S. 15.

[3] Zit. nach: Ebd. S. 27.

[4] Zit. nach: Wikipedia-Eintrag zu Ludovike Simanowiz

[5] Zit. nach: Gertrud Fiege [a.a.O.]. S. 34.

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Andrea Hahn, Foto: Chris Korner

Mein Name ist Andrea Hahn, und ich liebe es, Geschichten zu erzählen – Geschichten von Menschen, die mir begegnen, und Geschichten von Menschen, die unsere Welt längst verlassen haben. Außerdem besuche ich gerne Orte, die Geschichten zu erzählen haben, und liebe (fast) alles, was blüht, auf vier Beinen läuft, durch das Wasser schwimmt und die Luft fliegt. Auch davon schreibe ich.

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