Blogparade #meinweginsnetz

Echt jetzt? Schon rund 20 Jahre im Internet unterwegs

Die Kulturfritzen veranstalten im Vorfeld des stARTcamp Wien #scvie19 die Blogparade #meinweginsnetz. Das erste Mal habe ich den Hinweis gesehen, als @kulturtussi im Hinblick auf ihren Beitrag darüber twitterte und meinte, sie fühle sich gerade sooo alt. Da kann ich mich anschließen. In meinem Kopf ging es los: Wann und wo war mein erster Kontakt zum Internet? Das ist sooo lange her, dass ich es nicht mehr exakt weiß. O wie peinlich … Dieses Nichtwissen ärgert mich total, also gehe ich ihm jetzt schreibend nach. Zu einem Blog, in dem es überwiegend um Historisches geht, passt das Thema ja bestens, denn mein Weg ins Netz begann nicht erst in jüngster Zeit, sondern eher schon vorgestern. „Once upon a time“ eben, wie Christian Gries seinen Beitrag treffend betitelt.

Digital und analog unterwegs - Mein Weg ins Netz

Digital und analog unterwegs – Mein Weg ins Netz

Kundenkommunikation annodunnemals

Es war einmal eine Zeit, in der das weltweite Netz noch nicht für mich existierte. Heute frage ich mich, wie ich ohne dieses arbeiten, ja sogar studieren konnte. Ich durchsuchte in den Bibliotheken ständig Reihen voller Zettelkatalogen, später den OPAC, führte ein Leben als Stammgast in der Münchner Staatsbibliothek, der Unibibliothek und den Seminarbibliotheken der deutschen Philologie und der Historiker. Von meinen ersten Honoraren schaffte ich mir eine teure Schreibmaschine an, die ein paar Sätze speichern und löschen konnte. Wow, welch ein Fortschritt.

Bald stellte ich sie in die Ecke und kaufte den ersten PC, zur Hälfte wurde er vom C. Hanser Verlag bezahlt. Ich arbeitete als freie Mitarbeiterin an der Münchner Goethe-Ausgabe, und es gab nicht genug Geräte für die Freien. Dass man selbst so ein Gerät besaß, konnte nicht vorausgesetzt werden. Ein riesiger Fortschritt, obwohl der damalige PC aus heutiger Sicht eine bessere Schreibmaschine war. Ein großer Nachteil: Die Schrift bestand aus fluoreszierendem Grün, wenn ich aufschaute, sah ich mehr oder weniger rosa Kaninchen, wo sie weiß hätten sein sollen.

Dann kam der Umzug nach Stuttgart, der Wechsel als freie Lektorin unter anderem zum Verlag Philipp Reclam jun. Ich redigierte und schrieb daneben Artikel als freie Autorin. Ein neuer PC war fällig, der hatte nun fluoreszierende bernsteinfarbene Schrift. Dazwischen versuchte ich mich mit einem iMac, da war alles fluoreszierend weiß auf dunklem Hintergrund. Erst beim dritten PC-Modell stand endlich alles schwarz auf weiß vor meinen Augen.

Das Fax war ein wichtiges Kommunikationsmittel, das Telefon samt AB sowieso, außerdem habe ich mich häufig bei meinen Kunden eingefunden. Bei meinem Hauptauftraggeber Reclam saß ich im Schnitt jede zweite Woche – zur Annahme und Besprechung eines neuen Manuskripts, zur Abgabe eines bearbeiteten Manuskripts, zur Revision der Fahnen- und der Umbruchkorrektur. Bei einem anderen Auftraggeber schlug ich regelmäßig zum Abgleich der Korrekturen auf. Irgendwann sagte ein Freund: „Jetzt könnt Ihr bald über Internet und Mails kommunizieren, das wird erheblich einfacher.“ So richtig konnte ich mir darunter nichts vorstellen.

Mein Weg ins Netz = der Alltag verändert sich

Es muss 1997 oder 1998 gewesen sein, kurz darauf schafften wir uns ein Modem an. Vom Schreibtisch aus, konnte ich es an der Wand hängen sehen. Ich habe den grauen Kasten mit dem breiten gelben Streifen am unteren Rand noch immer vor Augen, obwohl er gar nicht mehr da hängt. Mein Weg ins Netz war geebnet. Einmal waren wir zwei Wochen ohne Netz, das war störend, aber noch kein großes Drama. Endlich kam der Mitarbeiter von T-Online, rüttelte etwas daran herum, zog den Stecker und alles ging wieder. Er grinste, ich hatte eben den Wert des Steckerziehens kennengelernt.

Wir richteten meine Mailadresse ein und stellten fest, dass ich nicht die erste Andrea Hahn bei unserem Anbieter war. Als Andrea weiß man sich immer in zahlreicher Gesellschaft mit den Trägerinnen des identischen Vornamens. Dass es in Deutschland eine Menge Frauen mit dem Namen Andrea Hahn gibt, habe ich erst damals über das Netz erfahren. Eine Identifikationskrise? Mitnichten, nur ein Nebeneffekt, der mich nicht ernsthaft in eine Krise stürzte.

Ich lernte, wie Outlook funktioniert, und legte los. Zunächst änderte sich gar nicht viel, denn die meisten meiner Kunden waren erstaunlicherweise noch nicht im Netz. Bei Reclam gab es immerhin in der Presseabteilung einen Zugang und die Möglichkeit zu mailen. Also schickte ich im Lauf der Zeit immer öfter Material oder Nachrichten über diese Abteilung ins Lektorat, was die Presseleute verständlicherweise nervte. Bald kam im ganzen Haus die flächendeckende Netzausstattung.

Der Effekt: Ich blieb mehr und mehr fern. Inzwischen hatte ich zwei kleine Kinder, und war als arbeitende Mutter sehr froh, nicht mehr so oft mit dem Blick auf die Uhr und der Angst vor dem Stau bei meinen Auftraggebern aufschlagen zu müssen. Der persönliche Kontakt litt allerdings darunter. Kannte ich vorher die Kolleg*innen in den einzelnen Häusern sehr gut und gehörte richtiggehend dazu, lockerte sich nun das Verhältnis. Heute kenne ich manche der Leute, mit denen ich zusammenarbeite, nur via Telefon und Mails. Damals kamen meine Kunden alle aus der Region, München etwa war schon viel zu weit weg. Heute sitzen sie auch im übrigen Deutschland und teilweise im Ausland. Das weltweite Netz macht es ja ohne Aufwand möglich.

Neue Dimensionen für die Recherchearbeit

Die Recherchearbeit wurde unglaublich erleichtert. Mein Weg ins Netz und damit der Blick ins Netz war und ist also Gold bzw. Geld wert, und das im wahrsten Sinn des Wortes. Zwar benütze ich immer noch die Bibliothek und telefoniere ab und zu mit Experten, die mir weiterhelfen, aber das kommt nicht mehr oft vor. Abhilfe schafft das Internet.

Erst vorgestern wurde ich bei der Premiere meines Buchs „Mythische Dichterorte“ von mehreren Seiten gefragt, wie ich denn recherchiere. Diese Frage kommt sehr häufig und im Lauf der Zeit änderten sich die Reaktionen auf meine Antwort. Natürlich reise ich zu den Örtlichkeiten, gehe in die Bibliothek und habe längst ein eigenes kleines Archiv. Aber ich recherchiere sehr, sehr viel über das Internet und mache dabei Funde, die ich auf anderem Weg nicht machen könnte. Internet dafür liebe ich dich heiß und innig! Noch vor wenigen Jahren reagierten die Frager*innen skeptisch, wenn ich das mit der Internetrecherche sagte, jetzt nicken sie verstehend mit dem Kopf. Manchmal habe ich das Gefühl, sie fühlen sich befreit und bestätigt, weil das „ein Profi“ nicht anders macht als sie selbst.

Ab in die sozialen Medien

Social Media kamen 2010 oder 2011 hinzu. Ich wollte wissen, wie Facebook funktioniert und was man an Sicherheitseinstellungen beachten muss, bevor unsere Kindersich eigene Profile anlegen würden. Schnell war ich selber begeistert unterwegs, entdeckte uralte Freunde wieder und fand neue. Ich musste nicht mehr auf den Weihnachtsbrief warten, um etwas Neues zu erfahren und ein oder zwei Bilder zu sehen. Eine spannende Welt tat sich auf, nun war ich das ganze Jahr involviert. Beziehungen werden geknüpft und gepflegt.

Allmählich wurde mir klar, dass es beruflich wichtig ist, mir eine eigene Netz-Präsenz aufzubauen. Mein Weg ins Netz musste noch eine weitere Spur bekommen. Viele Kollegen und Kolleginnen lehnen Social Media ab, manche wollen auch keine eigene Website haben, um nicht im Netz auffindbar zu sein. Die einen brauchen es tatsächlich nicht, andere sind durch ihre Ablehnung beruflich ins Hintertreffen geraten. Manche sind jetzt erst aufgesprungen und erzählen mir, wie wichtig es ist, am Ball zu bleiben – *grins*.

Ich machte Nägel mit Köpfen und absolvierte 2013 bei Silke Buttgereit einen vierwöchigen Lehrgang „Von der Online-PR zum Social Media Marketing“ und einen zur Erstellung von WordPress-Seiten. Sie machte uns mit den Grundlagen und wichtigsten Kanälen vertraut. Außer auf Facebook legte ich damals Profile auf XING, Google+, Twitter und Pinterest an, auf FB kam eine Fanpage hinzu. Heute habe ich Accounts bei XING, LinkedIn und Kress Profile, nutze sie aber nur als Visitenkarten, am häufigsten und liebsten bin ich auf Instagram und Twitter unterwegs. Facebook dümpelt, da ist der Schwung raus. Pinterest steht auf der To-do-Liste weit oben, aber aus Zeitgründen zögere ich.

Mit Ausnahme meines privaten FB-Profils nutze ich alle Kanäle überwiegend beruflich und zum Aufbau von Kontakten und Netzwerken. Privates bleibt dabei nicht ganz außen vor. Als politisch sehe ich meine Rolle im Netz nicht, zumindest nicht vordergründig. Manchmal juckt es mich total, etwas Politisches zu posten, dann mache ich es, frage mich aber gleichzeitig, ob es in Ordnung ist, Politisches und Berufliches so zu mischen. In diesem Punkt empfinde ich bei mir noch großen Diskussions- und Überlegungsbedarf.

Jetzt auch noch Blog

Eine Veränderung gab es im letzten Jahr mit der Übernahme der Leitung von „Zu Tisch. Genießen in Schlössern und Gärten“, einem Projekt innerhalb des Kulturerbejahres „Sharing Heritage 2018“. Fast wie von selbst entwickelte sich auf der Website der Punkt „Aktuelles“ zu einem Blog, den wir zu „SchlossMagazin“ umbenannten. Ich holte Tanja Praske von Kultur – Museum -Talk für einen Workshop an Bord, zu einem weiteren Workshop Marlene Hofmann von der Burg Posterstein. Ich lernte viel, bestritt mit Tanja meine erste Blogparade und entdeckte die Möglichkeiten und den Spaß, den das Bloggen und die Blogger-Relationships bieten. Der Gedanke, eine meiner beiden Webseiten zu nehmen und sie zu einem Blog aufzubauen, tauchte auf und hat mich nicht mehr losgelassen. Heute steht dieser Blogartikel auf eben dieser (umgebauten) Seite. Seit Kurzem bin ich Mitglied im Bloggerclub e.V. und tauche immer stärker in diese Welt ein.

Meinen angestammten Beruf kann ich damit bestens verbinden, denn ich lektoriere und schreibe nun eben auch Blog. In meinem Kopf drängen sich immer eine Menge Ideen für Artikel. Nach wie vor veröffentliche ich welche in Zeitungen und vor allem Magazinen, aber nun muss ich nicht mehr auf ein Okay aus den Redaktionen warten. Wenn es mich sehr in den Fingern juckt, stelle ich das, was ich gerade schreiben möchte, einfach in meinen Blog. Seitdem habe ich auch meine Social-Media-Kanäle wieder in Schwung gebracht. Während sie früher nebenher existierten und ich sie oft über einen langen Zeitraum nicht pflegte, ist das jetzt zumindest bei Twitter und Instagram regelmäßige Routine für mich.

Am nervigsten finde ich heute die Mail-Flut, sie einzudämmen will mir nicht gelingen. Das ist eigentlich paradox, denn mit den Mails fing mein Weg ins Netz ja an. Und das Offline-Leben? Print bleibt für mich immens wichtig, und das übrige Leben jenseits des Netzes muss auch sein, darauf achte ich sehr und davon kommt wenig ins Netz.

Könnte ich mir ein Leben ohne Internet noch vorstellen? Ganz ehrlich? Nein! Auf die Recherchemöglichkeiten im Netz würde ich auf keinen Fall mehr verzichten wollen und auf den Austausch und die Informationsmöglichkeiten auch nicht. 20 Jahre im Netz hinterlassen eben ihre Spuren, und an einige kann ich mich jetzt sogar wieder erinnern.

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Andrea Hahn, Foto: Chris Korner

Mein Name ist Andrea Hahn, und ich liebe es, Geschichten zu erzählen – Geschichten von Menschen, die mir begegnen, und Geschichten von Menschen, die unsere Welt längst verlassen haben. Außerdem besuche ich gerne Orte, die Geschichten zu erzählen haben, und liebe (fast) alles, was blüht, auf vier Beinen läuft, durch das Wasser schwimmt und die Luft fliegt. Auch davon schreibe ich.

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