Kloster Eberbach

Kloster Eberbach

Im Namen der Zisterzienser und des Weins

Kloster Eberbach zählt zu den herausragenden Denkmälern sakraler europäischer Baukunst. Ein Besuch des ehemaligen Zisterzienserklosters im Rheingau stand schon seit Jahren auf meiner Wunschliste. Jetzt konnte ich endlich den Haken setzen. Doch hier kommt ein großes „Aber“, das Kloster ist nämlich ein Boomerang.

Der Reiz der nächtlichen Ankunft

Der Reiz der nächtlichen Ankunft

Die Stiftung Kloster Eberbach trat dieses Jahr dem Verein „Schlösser und Gärten in Deutschland e.V.“ bei. Sie ist verantwortlich für den Unterhalt und Betrieb der Anlage und finanziert sich im Wesentlichen über Eintrittsgelder, Gastronomie, Veranstaltungen und Tagungen. Als man einen Praxisworkshop zu Social Media, den ich für den Verein durchführen sollte, eine passende Tagungsstätte suchte, streckte der „Neuling“ die Hand aus. Der Verein schlug sofort zu, und das war gut so. Als Tagungsstätte ist Eberbach mit allem, was man braucht, bestens ausgerüstet. Die Organisation war hervorragend, die Gastfreundschaft groß. Und das Beste: Es handelt sich um einen ganz besonderen Ort.

Im Bann von Kloster Eberbach

Ich trat die Reise am Tag vor dem Workshop an und kam mit Bahn und Bus über Frankfurt am Main und Eltville erstaunlich problemlos zum Ziel. Allerdings habe ich einen Fehler gemacht: Um noch möglichst viel am Schreibtisch zu arbeiten, war ich erst am Nachmittag abgefahren. Viel besser wäre es gewesen, früher anzukommen und Zeit für eine eingehende Besichtigung und einen ausgedehnten Spaziergang einzuplanen.

So war es bei meiner Ankunft schon dunkel, was aber auch seinen Reiz hatte. Mauern, Tor und Kirche zeichneten sich geheimnisvoll und mystisch unter dem Vollmond ab und zogen mich sofort in Bann. Den Bann einer fast vollständig erhaltenen Klosteranlage mit rund 900-jähriger Geschichte.

Das zurückhaltende Lichtkonzept erschwerte die Orientierung, aber es nahm und nimmt dem ehemaligen Kloster nichts von seinem Zauber, im Gegenteil. Dieser Zauber war so groß, dass ich nicht gleich zum stiftungseigenen Hotel stürmte. Spontan entschied ich mich zusammen mit einer Workshopteilnehmerin, die ebenfalls gerade eingetroffen war, zu einer kleinen Erkundungstour. In der Basilika sahen wir gedämpftes Licht, und die Vorstellung, die alte romanische Kirche in einem solchen Licht zu betrachten, zog uns magisch an. Mit unserem Gepäck im Schlepptau suchten wir nach einer offenen Tür, konnten aber leider keine finden. Am nächsten Tag wurde uns klar, warum das so war: Das Licht war weder für betende Mönche noch späte Besucher gedacht, es beleuchtete eine Baustelle. Die Kirche, die im Lauf der Jahrhunderte durch keine späteren Ein- oder Umbauten verändert wurde, wird aufwändig restauriert. Ohne also die heiligen Hallen betreten zu haben, ging es dann doch erst zum Hotel.

Baustellenroman(t)ik in der Basilika

Baustellenroman(t)ik in der Basilika

Gastlichkeit wird großgeschrieben

In dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden ehemaligen Wirtschaftsbau wartete ein „klösterliches“ Zimmer auf mich. Indirektes Licht empfing mich, auf einem schmalen Streifen Fototapete war mit einer Camera obscura ein Maßwerkfenster der Basilika abgebildet. Die dicken Mauern und Holzbalken, das klare Design der Einrichtung und ein in Handschrift gestaltetes Zitat von Bernhard von Clairvaux schufen eine ruhige Klosteratmosphäre, ohne dass ich auf den Komfort eines modernen Hotelzimmers verzichten musste.

Ewige Wahrheit im Klosterhotel

Ewige Wahrheit im Klosterhotel

Ich hatte zudem das Glück, ein Eckzimmer zu bewohnen, in dem das Plätschern des Brunnens zu hören war, der im barocken Prälatengarten steht. Das Einschlafen erhielt dadurch einen beruhigenden Beiklang. Zuvor verbrachten wir frühzeitig Angekommenen den Abend aber bei sehr gutem Essen und Klosterwein sowie anregendem Gespräch in der Klosterschänke. Auch hier spürten wir die klösterliche Atmosphäre, wenn auch nicht in ihrer asketischen Form. Ein Ort des Fastens ist das Restaurant definitiv nicht, und vom Schweigegebot der Erbauer ist auch nicht die Rede. Eher macht sich unter dem alten Kreuzgewölbe rheinische Genussfähigkeit und Fröhlichkeit bemerkbar.

Ora et labora

Um 1116 wurde im Kisselbachtal ein Augustiner-Chorherrenstift gegründet. 1136, wenige Jahre nach der Aufhebung des Chorherrenstifts und der Übergabe an die Benediktiner, hielten Abt Ruthard und 12 Zisterziensermönche in den Gebäuden Einzug. Sie kamen aus dem französischen Mutterkloster Clairvaux und fanden in dem Tal ideale Bedingungen vor: Abgeschiedenheit und Wasserreichtum.

Im Kreuzgarten von Kloster Eberbach

Im Kreuzgarten von Kloster Eberbach

„Ora et labora“ / „Arbeite und bete“ lautete hier wie überall, wo sich Zisterzienser ansiedelten, die Devise. Die Mönche wollten durch Bescheidenheit, Fleiß, Gebet und Kontemplation ein gottgefälliges Leben führen. Ihr Streben drückte sich unter anderem in der Bauweise aus. Das galt auch für Eberbach, wo man in den romanischen Gebäudeteilen weder überflüssige Schmuckelemente noch überbordende Architektur findet.

Das alte Zisterzienserkloster kann auch Barock

Das alte Zisterzienserkloster kann auch Barock

Obwohl es im 18. Jahrhundert teilweise zu einer barocken Umgestaltung und auch zu Neubauten kam, ist heute noch viel von der Raumgestaltung aus der Gründungszeit zu sehen. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass die Innenräume des Klosters 1985 zum Drehort für die Verfilmung von Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ mit Sean Connery gewählt wurden. Wer das Kloster kennt, wird  vieles wiedererkennen. Auch der deutsche Werbetrailer für die fünfte Staffel von „Game of Thrones“ wurde hier gedreht.

Dies und noch viel mehr erfuhren wir durch Martin Blach, Geschäftsführer der Stiftung, als er uns zum Ausklang des Workshops durch die Anlage führte.

Im Klostermuseum

Im Klostermuseum

Für die Workshopteilnehmer ist die Arbeit mit historischen Monumenten Alltag, dennoch besichtigten wir alle fast ehrfürchtig Kreuzgang und Kreuzgarten, Bibliothekssaal und Basilika, die Refektorien (Speisesäle) und Dormitorien (Schlafsäle), Kapitelsaal und Fraternei – um nur einen Teil aufzuzählen. Romanik, Früh-, Hoch- und Spätgotik, Renaissance, Barock und auch Moderne – wir machten eine kleine Zeitreise. Wäre dabei eine Schar betender Mönche in schwarz-weißen Kutten hinter den Pfeilern hervorgekommen, es hätte niemanden verwundert.

Kloster Eberbach und der Wein

Am Ende wurden wir durch Gewölbe geführt, in denen alte Weinpressen und Weinfässer lagerten. In der Fraternei, wo ehemals die Mönche ihre Hausarbeit verrichtet hatten und das Skriptorium untergebracht war, in dem die Handschriften und Bücher kopiert worden waren, mauerte man um 1500 die Fenster zu.

Vom Cabinet zum Kabinett

Vom Cabinet zum Kabinett

Von nun an war hier die Schatzkammer untergebracht, in der man die edelsten Weine verwahrte. Sie erhielt den Namen „Cabinet“, womit das Prädikat „Kabinett“ für Qualitätsweine geboren war. Scriptorium, Begriffserfindung und Wein – ich gebe zu, das ist eine Kombination, die ich sehr sympathisch finde.

Krankenhaus und Wein ergeben auch kein schlechtes Gespann, und wir fanden dieses auf besonders stimmungsvolle Weise im ehemaligen Hospital vor. Heute scheint kaum mehr helles Tageslicht in den spätromanischen Raum, und die Wände sind nicht mehr weiß gekalkt. Fast alle Fenster wurden abgedunkelt und der Weinschimmel überzieht die Mauern mit einem schwarzen Belag. Statt der Krankenbetten stehen Weinfässer zwischen den Säulen.

Im ehemaligen Hospital von Kloster Eberbach - Wein als Lebenselexier

Im ehemaligen Hospital von Kloster Eberbach – Wein als Lebenselexier

Das Licht spenden die Kerzen, die auf den Fässern stehen. In der Mitte des Gangs, an dessen Enden hohe Fenster eingelassen sind, wartete ein schöner Holztisch auf uns. Darauf standen vor einem Leuchter Wein und Gläser. Wir mussten nicht lange raten, für wen sie bestimmt waren. Stimmungsvoller als mit dieser schönen Überraschung hätten wir unseren Tag kaum beenden können. „Porta patet, Cor magis“ / „Unsere Tür steht offen, mehr noch unser Herz“ – der Wahlspruch der Zisterzienser wird in Kloster Eberbach eben auch heute gelebt.

Reste herzlicher Gastfreundschaft

Reste herzlicher Gastfreundschaft

Alter Wein im neuen Keller

Wer danach noch Zeit hatte, besuchte die Vinothek und deckte sich mit hervorragenden Weinen ein. Die neuste spektakuläre Bauzutat in Kloster Eberbach entging uns allerdings aufgrund unseres streng getakteten Workshoptages: der etwa 300 Meter außerhalb des Klosters liegende Steinbergkeller. Bei seiner Einweihung 2008 bezeichnete der „Stern“ ihn als modernsten Rieslingkeller Europas und die FAZ als „Kathedrale für den Riesling“. Über drei Etagen tief wird hier auf 5000 Quadratmetern bester Riesling schonend ausgebaut und bei gleichbleibenden Temperaturen gelagert. Während unten Hightech regiert, fügt sich oben moderne Architektur in das Ensemble aus alten Fachwerkgebäuden und der berühmten Steinbergmauer ein. Rund 2600 Kilometer lang ist die in den 1760er-Jahren anstelle einer Hecke errichtete Mauer aus Bruchstein, die die Domäne umgibt und die Trauben vor Dieben und kaltem Wind schützen soll.

Bilderrätsel, unschwer zzu erraten

Bilderrätsel, unschwer zu erraten

Die Eberbacher Zisterzienser legten den Weinberg schon um 1170 an. Die Mönche bauten den Wein zunächst an, um den nötigen Messwein nicht teuer importieren zu müssen. Schnell sprach sie jedoch herum, welch hohe Qualität der Wein besaß. Bald schon florierte der Handel, und die Anbauflächen wurden ständig erweitert und arrondiert. Das lukrative Geschäft bescherte dem Eberbacher Konvent in den besten Zeiten zwischen Köln und Worms 205 Außenstellen und erhebliche Einnahmen.

Mit der Säkularisation wurde die Abtei jedoch aufgelöst, und das uralte Weingut fiel 1803 zunächst dem Fürstentum Nassau-Usingen und dann dem Herzogtum Nassau zu. 1866 ging es in die Hände Preußens über, wobei die Nassauer schnell noch die Keller ausräumten. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Land Hessen Eigentümer des Weinguts. Heute ist es das größte Weingut der Bundesrepublik und produziert jährlich rund 2,5 Millionen Flaschen Wein und Sekt.

 Blick in den Kreuzgang

Blick in den Kreuzgang

Das weltliche Kloster Eberbach

Das Weingut nutzte und nutzt Räume des Klosterareals. In den Gebäuden brachte man darüber hinaus ab 1803 auch eine Strafanstalt, eine „Irrenanstalt“ bzw. psychiatrische Klinik, ein Militärkrankenhaus und nach 1945 Wohnungen für Flüchtlinge unter. Schon im Lauf des 19. Jahrhunderts entdeckten aber auch mehr und mehr Touristen diese klösterliche Attraktion, eine Entwicklung, die bis heute anhält. 1998 trennte man Staatsweingut und Baudenkmal voneinander. Beide Institutionen wirken aber nach wie vor eng zusammen, so etwa beim Rheingau Musik Festival, das Kloster Eberbach zu den wichtigsten Spielstätten zählt.

Kloster Eberbach im Nachtlicht

Kloster Eberbach im Nachtlicht

Kloster, Spitzenweingut, Museum, Festivalstätte, Drehort für Filme, Tagungshaus, Restaurant, Hort der Gastfreundschaft, ein Naturerlebnis – Kloster Eberbach hat so viel zu bieten. Darunter ist es wie oben erwähnt auch ein Boomerang, denn es hat sich zurück auf meine Wunschliste katapultiert, obwohl es doch eigentlich schon abgehakt war. Die Klosterruine Allerheiligen und die UNESCO Welterbestätte Kloster Maulbronn im heimatlichen Baden-Württemberg haben nun Konkurrenz in Hessen bekommen.

Service

Stiftung Kloster Eberbach

Kloster Eberbach
65346 Eltville im Rheingau
Telefon +49 (0) 6723 9178-100
Fax +49 (0) 6723 9178-101
E-Mail: stiftung@kloster-eberbach.de

Gastronomiebetriebe im Kloster Eberbach GmbH
Kloster Eberbach
65346 Eltville im Rheingau
Telefon +49 (0) 6723 993-0
Fax +49 (0) 6723 993-100
E-Mail gastronomie@kloster-eberbach.de

Weingut Kloster Eberbach
Kloster Eberbach
65346 Eltville im Rheingau
Telefon +49 (0) 6723 6046-0
Fax +49 (0) 6723 6046-420
E-Mail weingut@kloster-eberbach.de

Öffnungszeiten und Führungen werden am besten der für alle Bereiche des Klosters gültigen Website entnommen.

Die Anfahrt ist problemlos mit Öffentlichen Verkehrsmittel möglich. Wer mit dem E-Mobil anreist, findet im Großen Klosterhof eine Tankbox mit 100% Ökostrom vor (Schnellladefunktion mit 7-poligem Typ2-Stecker).

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Andrea Hahn, Foto: Chris Korner

Mein Name ist Andrea Hahn, und ich liebe es, Geschichten zu erzählen – Geschichten von Menschen, die mir begegnen, und Geschichten von Menschen, die unsere Welt längst verlassen haben. Außerdem besuche ich gerne Orte, die Geschichten zu erzählen haben, und liebe (fast) alles, was blüht, auf vier Beinen läuft, durch das Wasser schwimmt und die Luft fliegt. Auch davon schreibe ich.

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