Ein Besuch bei Theodor Heuss – #DHMDemokratie: Was beudeutet mir Demokratie?

Als gerade die Blogparade #DHMDemokratie des Deutschen Historischen Museums in Berlin wetterleuchtete, kam Post aus dem Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart. Sie enthielt das Programm zur Veranstaltungsreihe „70 Jahre Grundgesetz / 70 Jahre Bundesrepublik Deutschland“. Wie es der Zufall wollte, passte keiner der Vortragstermine in meinen Kalender. Da ich aber schon länger nicht mehr im Theodor-Heuss-Haus war, beschloss ich, das Museum wieder einmal zu besuchen. Und zwar unter der Fragestellung der DHM-Blogparade: „Was bedeutet mir Demokratie heute?“

Das Museum Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart

Das Museum Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart

Schulgeschichte

Meine Heuss-Verbindung ist eine sehr alte, sie reicht bis in meine bayerische Schulzeit zurück. Ich besuchte nämlich eines der vielen Gymnasien, die nach Elly Heuss-Knapp benannt wurden. Während ich die Schulbank drückte, interessierte mich die Namensgeberin allerdings herzlich wenig. Sie hatte das Müttergenesungswerk gegründet, okay. Und sie war die Frau des ersten deutschen Bundespräsidenten. Doch auch dieser weckte damals mein Interesse nicht sonderlich. Längst aus der Schule stieß ich aber 2001 bei einem Jubiläum auf Elly Heuss-Knapps Lebenslauf und war elektrisiert. Warum, erzähle ich bei anderer Gelegenheit. Ich stieg jedenfalls tiefer ein und arbeitete einen Vortrag, mehrere Printartikel und einen Beitrag für SWR2 über sie aus.

Bei der Recherche kam ich in Kontakt mit dem Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart und dem Theodor Heuss Museum in Brackenheim. Daraus entstand eine Zusammenarbeit, die sich bald nicht mehr auf Elly Heuss-Knapp beschränkte, sondern auf Theodor Heuss ausweitete. Heuss und seine Frau, Heuss und Schiller, Heuss und Mörike, Heuss als Kultminister und mit Heuss auf interkulturellen Wegen, so lauteten die Themen, zu denen ich Festvorträge schrieb. Was lag näher, als mir Theodor Heuss für einen Blogbeitrag zur #DHMDemokratie herauszupicken?

Daniel Wetzel: Theodor Heuss, Digitaldruck auf Textil, 2001 (Original: Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus)

Daniel Wetzel: Theodor Heuss, Digitaldruck auf Textil, 2001 (Original: Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus)

Von Theodor Heuss‘ Wohnhaus zum Museum

Das Theodor-Heuss-Haus auf der Feuerbacher Heide in bester Stuttgarter Höhenlage war das letzte Wohnhaus des Journalisten und Politikers. Er bezog es im Herbst 1959, seine zweite Amtszeit als Bundespräsident lag gerade hinter ihm. Viele Jahre blieben ihm dort nicht mehr, er starb am 12. Dezember 1963 und wurde auf dem Stuttgarter Waldfriedhof beigesetzt, neben seiner Frau, die ihm bereits 1952 vorausgegangen war. 1995 erwarb die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus das Gebäude und ließ es zu einem Museum umbauen.

Wohnzimmer mitt Originalmöbeln von Theodor Heuss

Wohnzimmer mitt Originalmöbeln

Im Erdgeschoss wurden Arbeits-, Wohn- und Esszimmer saniert und mit originalen Möbeln ausgestattet. Die Atmosphäre der 1950er- und frühen 1960er-Jahre kann hier aufs Schönste nachempfunden werden. Das Schlaf- und Sterbezimmer ist heute ein Gedenkraum. Die Totenmaske von Theodor Heuss lässt seine Person sehr präsent erscheinen. Der Raum lädt ein, sich hinzusetzen und unter anderem auch darüber nachzudenken, was uns Demokratie bedeutet. Das Gartengeschoss, von dem nichts zu ahnen ist, wenn man das Haus betritt, wurde zu einem großzügigen Ausstellungsbereich umgebaut. Die Ständige Ausstellung folgt den Lebensstation von Theodor Heuss und beleuchtet auch die Rolle von Elly Heuss-Knapp. Dem „Erzieher zur Demokratie“ und den Jahren 1945 bis 1949 ist die fünfte Station gewidmet.

Arbeitszimmer - der letzte Schreibtisch von Theodor Heuss

Arbeitszimmer – der letzte Schreibtisch

Neuanfang in Trümmern

Das Kriegsende hatten Theodor Heuss und seine Frau in Heidelberg erlebt, wo sie bei Elly Heuss-Knapps Schwester Marianne Lesser untergekommen waren. Sohn Ernst hatte sie überredet, aus dem stark bombengefährdeten Berlin wegzugehen. Gleich im Frühjahr 1945 trat die amerikanische Militäradministration an den politikerfahrenen Journalisten Theodor Heuss heran, um ihm die Lizenz für eine in Heidelberg zu gründende Zeitung, die Rhein-Neckar-Zeitung, anzutragen. Als der Ruf an ihn erging, war Heuss gerade dabei, seine Jugenderinnerungen aufzuzeichnen und gar nicht so begeistert, das geruhsame Leben aufzugeben. Letztlich war er aber zu neugierig, zu gestaltungswillig und zu verantwortungsbewusst, um sich den Bitten und Erwartungen an ihn zu entziehen.

Die Verhandlungen zogen sich vom Frühjahr bis in den Sommer hin, weil man nicht so recht wusste, wie Heuss‘ Haltung zu den Nazis einzuschätzen war. Als alles geklärt war und die Zeitung am 5. September zum ersten Mal erschien, war Theodor Heuss schon auf dem Sprung. Er hatte von Anfang an gewusst, dass er die Zeitung nur am Rand betreuen würde. Auf ihn wartete nämlich eine viel größere Aufgabe.

Theodor Heuss ist zurück in der Politik

Der amerikanische Militärregierung hatte den 61-jährigen dafür ausersehen, in dem neu gegründeten Bundesland Württemberg-Baden (erst ab 1952 lautete es „Baden-Württemberg“) das Amt des Kultministers zu bekleiden. Er folgte dem Ruf, das Ernennungsschreiben wurde am 22. September von Dwight D. Eisenhower ausgestellt. Am 25. September wurde die neue Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Reinhold Maier eingesetzt. Heuss wurde Vorstandsmitglied in der Demokratischen Volkspartei (DVP), aus der später die FDP hervorging. Als Vertreter der DVP saß er in der Verfassunggebenden Landesversammlung und errang ein Mandat im ersten Landtag von Württemberg-Baden.

Das Bildungswesen im Südwesten lag in jeder Hinsicht in Trümmern. Die Einrichtungen, angefangen bei den Volksschulen bis zu den Universitäten, waren zerstört. Es gab keinen Platz, und es gab keine Lehrerinnen und Lehrer. Es gab noch nicht einmal genug zu essen für die Schülerinnen und Schüler. Und man hatte keine Bücher. Die Bibliotheken waren zerbombt oder ausgelagert, die Schulbücher aus der Zeit der Nationalsozialisten unbrauchbar. Den Schulen einschließlich ihren Büchern (und nicht nur diesen) musste, wie Heuss schreibt, „ein neuer Geist“ gegeben werden.

Abteilung 5 der ständigen Ausstellung widmet sich dem Erzieher zur Demokratie

Abteilung 5 der ständigen Ausstellung widmet sich dem Erzieher zur Demokratie

Ansprachen zur Demokratie

Unmittelbar nach seiner Amtseinsetzung hielt der Kultminister eine Rundfunkansprache mit dem Titel „Erziehung zur Demokratie“ (3. Oktober 1945). Er hatte sie, wie all seine Reden, selbst geschrieben. Der Erzieher zur Demokratie betonte darin, dass es nun möglich und nötig sei, „die seelischen Elemente einer demokratischen Verfahrensweise“ zu erlernen. Demokratie sei aber „kein Zauberwort“, mit dem schnell „allen Nöten“ der Welt begegnet werden könne. Sie sei auch kein „Schutzschild“, hinter dem aus Gewohnheit ein „umgekehrter Nazismus“ weitergedeihen dürfe. Vielmehr gilt Heuss Demokratie als „ein Aufruf zur Selbstprüfung und Selbsterziehung an jedermann“. Letztlich sei Demokratie „die Achtung vor dem anderen, vor dem Raum seines Menschentums“.

Am 18. März 1946 hielt Theodor Heuss die Rede „Um Deutschlands Zukunft“. Darin diskutiert er unter anderem, warum die Deutschen derart anfällig für die Doktrin der Nationalsozialisten gewesen waren. Um einen Rückfall in diese Geisteshaltung zu verhindern, fordert er „Weltluft“, eine Öffnung hin zur übrigen Welt. Außerdem bedürfe es der Freiheit in der Wissenschaft und vor allem des Dialogs mit der jungen Generation. In sie müsse man „hineinhorchen“ und herausfinden, was sie denke und was sie suche. Wenn das gelingen sollte, würde es nicht ins Paradies führen, das sei Utopie. Aber die Deutschen würden „wieder den festen Boden eines freien Lebens bekommen“ – und zwar „im Zeichen der Demokratie“.

Überzeugungsarbeit für die Demokratie

Am 1. September 1948 trat in Bonn zum ersten Mal der Parlamentarische Rat zusammen. Seine Aufgabe war es, über ein Grundgesetz für die westlichen Zonen Deutschlands zu beraten. Unter den 65 Abgeordneten, zu denen gerade einmal vier Frauen gehörten, befand sich Theodor Heuss. Er hatte schon an der Landesverfassung für Württemberg-Baden mitgewirkt und einschlägige Erfahrungen gesammelt. Viele seiner Überzeugungen, allen voran die Idee der unveräußerlichen Grundrechte, flossen in das Grundgesetz ein. Obwohl er einer Partei angehörte, verstand er sich als überparteilicher Vermittler. Er blieb einem in der bereits erwähnten Rede „Erziehung zur Demokratie“ geäußerten Gedanken treu: Demokratie sei „nicht bloß Stimmenzählen“, sondern „ein Verhalten, das im Ringen um Macht und Führung den anderen zu respektieren weiß“.

Die Mitglieder des nParlamentarischen Rates, aus: Die Neue Zeitung vom 25. September 1948

Die Mitglieder des nParlamentarischen Rates, aus: Die Neue Zeitung vom 25. September 1948

Als Theodor Heuss 1949 erster Präsident der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland wurde, sah er eine seiner wichtigsten Aufgaben darin, die Deutschen vom Wert der Demokratie zu überzeugen. Er blendete die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht aus. Vielmehr betonte er die Verantwortung, die sich aus der dunklen Vergangenheit ableitet. Die Bürgerinnen und Bürger sollen von der Demokratie und dem neuen Staat überzeugt und eingebunden werden. Die Menschen, und besonders auch die Jugendlichen, sollen „von sich aus den Weg zum Staate finden“, wie es in der Rede „Heimat, Vaterland und Welt“ (1951) heißt. Aus der Erfahrung des Gleichschaltens, des „ungeheuren Missbrauchs der Willigkeit“ heraus wünsche man sich „die freie Selbstgestaltung“, die sich „nach eigenem Willen und eigener Einsicht“ in das Gemeinwesen einordne.

Ständige Selbsterziehung

Es liegt mir fern, Theodor Heuss in den Himmel zu heben. Es gibt durchaus auch dunkle Punkte in seiner Biografie. So beugte er sich trotz anfänglichen Widerwillens 1933 der Mehrheit und stimmte dem Ermächtigungsgesetz zu. Den Nationalsozialisten wurde es dadurch leicht gemacht, die Reichsverfassung auszuhebeln. Als er sich deswegen 1946/47 vor der Spruchkammer Württemberg-Badens und auch an anderen Stellen rechtfertigen musste, zog Heuss sich reichlich lahm aus der Affäre. Alle hätten „Dummheiten“ gemacht, und das Gesetz habe sowieso keine Bedeutung gehabt. Auch verurteilte er zur Zeit der Machtergreifung nicht alle Maßnahmen des NS-Regimes in der Schärfe, wie er sie später an den Tag legte.

Theodor Heuss

Als Deutschland aber kapitulierte und Krieg sowie brauner Terror zu Ende waren, empfand Theodor Heuss, dass „unsere Seele […] befreit war“ (Rede zur Stuttgarter Schillerfeier am 8. Mai 1955). In der Folge forderte er „altmodisch gewordene Werte“ ein. Werte, „die der Nationalsozialismus verhöhnte und zu Zerrbildern“ machte: „Toleranz, Menschenwürde, Völkerverständigung, bürgerliche Freiheit“ („Aufgabe und Pflicht der Parteien“, Rundfunkansprache vom 12. Dezember 1945). Sie waren ihm die Basis für das neu gelegte Fundament der Republik und den neuen Geist, die Basis für eine stabile Demokratie.

Theodor Heuss und die Demokratie heute?

Es sind die Werte, die uns 70 Jahre lang Freiheit und Frieden schenkten. Am Ende meines Besuchs im Heuss-Haus kam ich zu dem lapidaren Schluss, dass ich mir nicht die Frage stellen muss, was mir Demokratie heute bedeutet. Selbst wenn ich gezweifelt hätte, müsste ich mir nur die Teile der Ausstellung anschauen, die sich der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit widmen, um mir wieder sicher zu sein, dass ich in keiner anderen Staatsform leben möchte. Ich frage mich stattdessen, wie wir uns unsere 70-jährige Demokratie erhalten, verjüngen und verbessern können.

Was würde Theodor Heuss uns antworten? Bestimmt wäre er sehr stolz darauf, dass das Fundament, das nach dem Ende des Nationalsozialismus unter seiner Mitwirkung gelegt wurde, sich schon so lange als tragfähig erweist. Der Erzieher zur Demokratie würde uns angesichts der Risse, die sich inzwischen zeigen, aber auch eindringlich davor warnen, die Demokratie als Schutzschild zu missbrauchen, hinter dem erneut Nazismus gedeihen kann. „Papa Heuss“, wie ihn die Schwaben gern nennen, würde sich wünschen, dass wir in unsere Kinder und Jugendlichen hineinhören und sie ernst nehmen – in der Hoffnung, dass sie auch als Erwachsene den Wert einer freien Gesellschaft zu schätzen wissen, sich freiwillig zur Demokratie bekennen und sie mitgestalten. Er würde Achtung und Respekt vor dem anderen einfordern, Menschlichkeit und Weltoffenheit und jeden zur „Selbstprüfung und Selbsterziehung“ anhalten, damit die eingeforderten Werte authentisch und überzeugend gelebt werden. Eigentlich ganz einfach, oder?

Gedenkraum im Theodor-Heuss-Haus

Gedenkraum

Literatur

Zu Theodor Heusss gibt es natürlich eine Fülle von Veröffentlichungen, deshalb nenne ich hier nur den Ausstellungskatalog:

Theodor Heuss. Publizist – Politiker – Präsident. Begleitband zur ständigen Ausstellung im Theodor-Heuss-Haus. Im Auftrag der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus hrsg. von Thomas Hertfelder und Christiane Ketterle. Stuttgart 2003.

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Andrea Hahn, Foto: Chris Korner

Mein Name ist Andrea Hahn, und ich liebe es, Geschichten zu erzählen – Geschichten von Menschen, die mir begegnen, und Geschichten von Menschen, die unsere Welt längst verlassen haben. Außerdem besuche ich gerne Orte, die Geschichten zu erzählen haben, und liebe (fast) alles, was blüht, auf vier Beinen läuft, durch das Wasser schwimmt und die Luft fliegt. Auch davon schreibe ich.

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